„Das Diadem unserer Gemeinde“: Zum 200. Jubiläum des Wiener Stadttempels

Am 9. April 1826 – vor 200 Jahren – wurde in Wien der Stadttempel eingeweiht.

Grafik
'Innere Ansicht der israelitischen Synagoge in der Seitenstettengasse'

Zur Zeit der Einweihung des Stadttempels im April 1826 war die Residenzstadt Wien nur wenigen „Tolerierten Juden“ zugänglich, die ihren Aufenthalt mit einer teuren Finanzsteuer begleichen mussten. Die Gründung einer offiziellen Gemeinde wurde ihnen verwehrt, die Genehmigung des Baus der Synagoge interpretierten sie dennoch als Anerkennung ihrer Gemeinschaft.
‘Innere Ansicht der israelitischen Synagoge in der Seitenstettengasse’

Postkarte
Synagoge in Wien I., Seitenstettengasse

Architekt war der damals sehr beliebte Joseph Kornhäusel, der im Laufe der Jahre noch weitere Häuser in der Seitenstettengasse errichten sollte – unter anderem den sogenannten Kornhäuselturm. Von außen ist das Haus nicht als Synagoge erkennbar, denn damals durften nur katholische Kirchen freistehend gebaut werden und höher als die umgebenden Häuser sein.

Über dem Eingangsportal der Seitenstettengasse 4 wird Psalm 100,4 zitiert: „Kommt mit Dank durch seine Tore, mit Lobgesang in seine Höfe! Dankt ihm, preist seinen Namen!“ Das größer geschriebene Wort „Schearav“ („seine Tore“) ergibt in seinem Zahlenwert das Baujahr der Synagoge.

Synagoge in Wien I., Seitenstettengasse

Tora-Aufsatz
Rimmonim aus dem Wiener Stadttempel

1811 wurde den Wiener Jüdinnen und Juden erlaubt, den sogenannten „Dempfingerhof“ zu kaufen, das Haus am Grund der Synagoge in der Seitenstettengasse. Davor fanden sie sich zum Gottesdienst in einem Zimmer des Hauses „Zum Weißen Stern“ in der Vorlaufstraße 3 zusammen. In diesem Gebäude wohnte auch der Seidenwarenhändler Aron Hirschl Todesco. Er stiftete für das Bethaus diese Rimmonim, die sein Sohn Hermann Todesco restaurieren ließ, vermutlich für die Übersiedlung in das neue Bethaus im Vorgängerbau des Stadttempels. Nur 12 Jahre später wurde dieses Haus für baufällig erklärt, abgerissen und an dessen Stelle die heutige Synagoge errichtet, als dessen Mitbegründer Hermann Todesco gilt.
Rimmonim aus dem Wiener Stadttempel

Tora-Vorhang
Parochet für Fanny von Arnstein

Diesen Tora-Vorhang stiftete Nathan von Arnstein für seine 1818 verstorbene Ehefrau Fanny, die berühmte Wiener Salonnière. Fanny von Arnstein, Tochter des Hoffaktors Daniel Itzig, kam aus Berlin, wo sie eine hervorragende Ausbildung genossen hatte. In Wien gründete sie einen literarischen Salon – ganz so wie sie es aus ihrer Heimat kannte – und war Gastgeberin für Prominente aus Kunst und Politik. Fanny von Arnstein erlebte den Bau des Stadttempels nicht mehr. Der Parochet, der 8 Jahre vor Einweihung des Neubaus gestiftet wurde, war jedoch auch im neuen Gotteshaus in Verwendung.
Parochet für Fanny von Arnstein

Einzelblattdruck
Gedenkblatt der Institutionen der Israelitischen Kultusgemeinde an Salomon Sulzer

Zur Zeit der Erbauung des Stadttempels hatten die Wiener Jüdinnen und Juden sehr unterschiedliche Vorstellungen über die Liturgie, den Ablauf und die Form des Gottesdienstes. Viele waren von den Reformen begeistert, die von der Aufklärung inspiriert und im Norden Europas bereits umgesetzt worden waren, und wollten diese auch in Wien einführen. Andere traten entschieden für den traditionellen, orthodoxen Gottesdienst ein.

Der sogenannte Wiener Ritus verhinderte eine Spaltung der beiden Lager. Dieser Ritus stellt einen Kompromiss zwischen Reform und Orthodoxie dar. Entwickelt wurde er vom ersten Rabbiner des Stadttempels, dem in Kopenhagen geborenen Isaak Noa Mannheimer, gemeinsam mit dem ersten Kantor, dem aus Hohenems stammenden Salomon Sulzer.

Auf dem Gedenkblatt für Salomon Sulzer aus dem Jahr 1897 sind Mannheimer und Sulzer in den Medaillons über dem Eingangsbogen dargestellt – im Zentrum einer nun vereint auftretenden Gemeinde, die 1852 endlich offiziell gegründet werden durfte.

Gedenkblatt der Institutionen der Israelitischen Kultusgemeinde an Salomon Sulzer

Tora-Schild
Tas aus dem Wiener Stadttempel

Zur Einweihung des Stadttempels 1826 ließ das Ehepaar Bracha und Simon von Lämel ein Tora-Schild beim renommierten Wiener Silberschmied Alois Johann Nepomuk Würth anfertigen. Noch in Prag war Simon von Lämel mittels Großhandel von Wolle derart erfolgreich, dass er dem österreichischen Kaiserhaus während der napoleonischen Kriege Kredite gewähren konnte. Dennoch wurde ihm sein Wunsch, sich in Wien ein Haus zu kaufen, verwehrt. Er musste sich mit einem Adelstitel und der Erlaubnis mit seinen Kindern in Wien leben zu dürfen begnügen.
Tas aus dem Wiener Stadttempel

Tora-Aufsatz
Rimmonim aus dem Wiener Stadttempel

Das Tora-Schild ließ das Ehepaar zusammen im Set mit diesen Rimmonim herstellen.
Rimmonim aus dem Wiener Stadttempel

Ritualobjekt
Sukkot-Aufsatz aus dem Wiener Stadttempel

Dieser Sukkot-Aufsatz, in dem die symbolischen Pflanzen für das Laubhüttenfest (Etrog-Frucht, Palmen-, Myrten-, und Bachweidenzweige) präsentiert werden, stiftete Jenny Glaser (geb. Teitelbaum) für den Wiener Stadttempel anlässlich der Bar Mizwa ihres Sohnes Theodor im Jahre 1870. Jenny Glaser war eine bekannte Wiener Gesellschaftsdame und Philanthropin. Der Stadttempel war für sie bereits im Jahr 1858 von Bedeutung, als sie dort Wilhelm Glaser heiratete. Dieser war gelernter Bankier, avancierte später zum Verwaltungsrat der ersten ungarisch-galizischen Eisenbahn und wurde 1879 geadelt. Die Familie trat später zum Christentum über und ist am Hietzinger Friedhof beerdigt.
Sukkot-Aufsatz aus dem Wiener Stadttempel

Manuskript
Huldigungsgedicht auf den Wiener Stadttempel

Zum 50-jährigen Jubiläum des Stadttempels 1876 hatte sich einiges für die Jüdinnen und Juden im Habsburgerreich verändert: Mit der Dezemberverfassung 1867 hatten sie endlich die rechtliche Gleichstellung erlangt und Wien war nun für alle von ihnen frei zugänglich.

Aus der ganzen Monarchie kamen Glückwunschsendungen in Form von Briefen oder Telegrammen für den Wiener Stadttempel. Mosche Jehuda Lawitz verfasste ein Lobgedicht auf die Synagoge in der Seitenstettengasse und bezeichnete sie als „das Diadem unserer Gemeinde“.

Huldigungsgedicht auf den Wiener Stadttempel

Fotoabzug
Innenaufnahme des Wiener Stadttempels im Jahre 1941

1938 war der Stadttempel die einzige Wiener Synagoge, die während der Novemberpogrome nicht in Brand gesetzt wurde: Es wäre unmöglich gewesen, das Gebäude anzuzünden, ohne dass das Feuer auf die Nachbarhäuser übergegangen wäre. Der Innenraum wurde dennoch verwüstet und die Einrichtung zerstört.

Dieses Foto zeigt den Innenraum des Stadttempels 1941 mit der provisorischen Bestuhlung. Das Jahr markiert auch den Beginn der großen Deportationen der österreichischen Jüdinnen und Juden in die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager Osteuropas.

Innenaufnahme des Wiener Stadttempels im Jahre 1941

Tora-Vorhang
Parochet für die in der Schoa ermordeten Familienmitglieder von Elieser Jichzak Cohen Kahn

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fanden ab Herbst 1945 im Stadttempel wieder Gottesdienste statt. Für die wenigen überlebenden Jüdinnen und Juden aus Wien war kaum denkbar, ihr Leben in dieser Stadt wieder aufzubauen. Überlebende aus Osteuropa sahen in Wien die Möglichkeit eines Neuanfangs und beteiligten sich wesentlich an der Wiederetablierung der Gemeinde.

Dieser Parochet wurde von Elieser Jichzak Cohen Kahn in Erinnerung an seine in der Schoa ermordeten Verwandten gestiftet. Die Schlussphrase „ermordet für den heiligen Namen“ ist eine Anlehnung an einen Vers aus dem Awinu Malkenu-Gebet, welcher auch auf einer Gedenktafel im Stadttempel zitiert wird: „Unser Vater, unser König, tue es um derentwillen, die für deinen Heiligen Namen ermordet wurden.“

Parochet für die in der Schoa ermordeten Familienmitglieder von Elieser Jichzak Cohen Kahn

Fotoabzug
Geöffneter Tora-Schrein des Wiener Stadttempels

Der geöffnete Tora-Schrein zeigt die in den 1920er-Jahren verwendeten Tora-Rollen im Stadttempel, die mit Tora-Mänteln, Tora-Schildern, Tora-Kronen oder Rimmonim sowie mit Tora-Zeigern geschmückt sind. All diese Ritualgegenstände wurden von Jüdinnen und Juden gestiftet, die einen Bezug zu Wien oder zum Wiener Stadttempel hatten. Durch Inschriften auf den Objekten haben sich manche namentlich verewigt und einige Lebensgeschichten sind heute noch bekannt oder lassen sich erforschen. Zahlreiche Geschichten werden jedoch für immer verborgen bleiben.

Der Stadttempel begleitet die Wiener Jüdinnen und Juden seit 200 Jahren: Er ist ein Sinnbild für die schwer erkämpften Rechte der österreichischen Jüdinnen und Juden und des durch die Nationalsozialisten beinah zerstörten jüdischen Lebens. Er ist aber auch Zeichen für die sich wiedergegründete Gemeinde nach 1945. Heute ist der Seitenstettentempel Zentrum lebendiger jüdischer Religion und Kultur in Wien – ein geschichtstragendes Gebäude, bereit für die nächsten 200 Jahre.

Geöffneter Tora-Schrein des Wiener Stadttempels