„Das Diadem unserer Gemeinde“: Zum 200. Jubiläum des Wiener Stadttempels

Grafik
'Innere Ansicht der israelitischen Synagoge in der Seitenstettengasse'
Postkarte
Synagoge in Wien I., Seitenstettengasse
Architekt war der damals sehr beliebte Joseph Kornhäusel, der im Laufe der Jahre noch weitere Häuser in der Seitenstettengasse errichten sollte – unter anderem den sogenannten Kornhäuselturm. Von außen ist das Haus nicht als Synagoge erkennbar, denn damals durften nur katholische Kirchen freistehend gebaut werden und höher als die umgebenden Häuser sein.
Über dem Eingangsportal der Seitenstettengasse 4 wird Psalm 100,4 zitiert: „Kommt mit Dank durch seine Tore, mit Lobgesang in seine Höfe! Dankt ihm, preist seinen Namen!“ Das größer geschriebene Wort „Schearav“ („seine Tore“) ergibt in seinem Zahlenwert das Baujahr der Synagoge.
Tora-Aufsatz
Rimmonim aus dem Wiener Stadttempel
Tora-Vorhang
Parochet für Fanny von Arnstein
Einzelblattdruck
Gedenkblatt der Institutionen der Israelitischen Kultusgemeinde an Salomon Sulzer
Zur Zeit der Erbauung des Stadttempels hatten die Wiener Jüdinnen und Juden sehr unterschiedliche Vorstellungen über die Liturgie, den Ablauf und die Form des Gottesdienstes. Viele waren von den Reformen begeistert, die von der Aufklärung inspiriert und im Norden Europas bereits umgesetzt worden waren, und wollten diese auch in Wien einführen. Andere traten entschieden für den traditionellen, orthodoxen Gottesdienst ein.
Der sogenannte Wiener Ritus verhinderte eine Spaltung der beiden Lager. Dieser Ritus stellt einen Kompromiss zwischen Reform und Orthodoxie dar. Entwickelt wurde er vom ersten Rabbiner des Stadttempels, dem in Kopenhagen geborenen Isaak Noa Mannheimer, gemeinsam mit dem ersten Kantor, dem aus Hohenems stammenden Salomon Sulzer.
Auf dem Gedenkblatt für Salomon Sulzer aus dem Jahr 1897 sind Mannheimer und Sulzer in den Medaillons über dem Eingangsbogen dargestellt – im Zentrum einer nun vereint auftretenden Gemeinde, die 1852 endlich offiziell gegründet werden durfte.
Tora-Schild
Tas aus dem Wiener Stadttempel
Tora-Aufsatz
Rimmonim aus dem Wiener Stadttempel
Ritualobjekt
Sukkot-Aufsatz aus dem Wiener Stadttempel
Manuskript
Huldigungsgedicht auf den Wiener Stadttempel
Zum 50-jährigen Jubiläum des Stadttempels 1876 hatte sich einiges für die Jüdinnen und Juden im Habsburgerreich verändert: Mit der Dezemberverfassung 1867 hatten sie endlich die rechtliche Gleichstellung erlangt und Wien war nun für alle von ihnen frei zugänglich.
Aus der ganzen Monarchie kamen Glückwunschsendungen in Form von Briefen oder Telegrammen für den Wiener Stadttempel. Mosche Jehuda Lawitz verfasste ein Lobgedicht auf die Synagoge in der Seitenstettengasse und bezeichnete sie als „das Diadem unserer Gemeinde“.
Fotoabzug
Innenaufnahme des Wiener Stadttempels im Jahre 1941
1938 war der Stadttempel die einzige Wiener Synagoge, die während der Novemberpogrome nicht in Brand gesetzt wurde: Es wäre unmöglich gewesen, das Gebäude anzuzünden, ohne dass das Feuer auf die Nachbarhäuser übergegangen wäre. Der Innenraum wurde dennoch verwüstet und die Einrichtung zerstört.
Dieses Foto zeigt den Innenraum des Stadttempels 1941 mit der provisorischen Bestuhlung. Das Jahr markiert auch den Beginn der großen Deportationen der österreichischen Jüdinnen und Juden in die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager Osteuropas.
Tora-Vorhang
Parochet für die in der Schoa ermordeten Familienmitglieder von Elieser Jichzak Cohen Kahn
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fanden ab Herbst 1945 im Stadttempel wieder Gottesdienste statt. Für die wenigen überlebenden Jüdinnen und Juden aus Wien war kaum denkbar, ihr Leben in dieser Stadt wieder aufzubauen. Überlebende aus Osteuropa sahen in Wien die Möglichkeit eines Neuanfangs und beteiligten sich wesentlich an der Wiederetablierung der Gemeinde.
Dieser Parochet wurde von Elieser Jichzak Cohen Kahn in Erinnerung an seine in der Schoa ermordeten Verwandten gestiftet. Die Schlussphrase „ermordet für den heiligen Namen“ ist eine Anlehnung an einen Vers aus dem Awinu Malkenu-Gebet, welcher auch auf einer Gedenktafel im Stadttempel zitiert wird: „Unser Vater, unser König, tue es um derentwillen, die für deinen Heiligen Namen ermordet wurden.“
Fotoabzug
Geöffneter Tora-Schrein des Wiener Stadttempels
Der geöffnete Tora-Schrein zeigt die in den 1920er-Jahren verwendeten Tora-Rollen im Stadttempel, die mit Tora-Mänteln, Tora-Schildern, Tora-Kronen oder Rimmonim sowie mit Tora-Zeigern geschmückt sind. All diese Ritualgegenstände wurden von Jüdinnen und Juden gestiftet, die einen Bezug zu Wien oder zum Wiener Stadttempel hatten. Durch Inschriften auf den Objekten haben sich manche namentlich verewigt und einige Lebensgeschichten sind heute noch bekannt oder lassen sich erforschen. Zahlreiche Geschichten werden jedoch für immer verborgen bleiben.
Der Stadttempel begleitet die Wiener Jüdinnen und Juden seit 200 Jahren: Er ist ein Sinnbild für die schwer erkämpften Rechte der österreichischen Jüdinnen und Juden und des durch die Nationalsozialisten beinah zerstörten jüdischen Lebens. Er ist aber auch Zeichen für die sich wiedergegründete Gemeinde nach 1945. Heute ist der Seitenstettentempel Zentrum lebendiger jüdischer Religion und Kultur in Wien – ein geschichtstragendes Gebäude, bereit für die nächsten 200 Jahre.