Der jüdische Sportverein Hakoah Wien

Der Sportverein „Hakoah Wien“ (Hakoah bedeutet auf Hebräisch „Kraft“) wurde 1909 als Reaktion auf den zunehmenden Ausschluss von Jüdinnen und Juden aus allgemeinen Sportvereinen gegründet. In seiner Blütezeit hatte er bis zu 7.000 eingeschriebene Mitglieder und galt damit als der weltweit mitgliederstärkste jüdische Sportverein. Die Hakoah-Fußballmannschaft gewann 1925 die österreichische Meisterschaft, ein Erfolg, der weit über die Landesgrenzen hinaus strahlte. Hakoah-Schwimmerinnen wie Hedy Bienenfeld oder Fritzi Löwy errangen Rekorde und Medaillen bei Europameisterschaften. Sportler:innen der Hakoah waren aber auch bei Wasserball, Leichtathletik, Landhockey und im Skifahren überaus erfolgreich und waren Vorbilder für die im antisemitischen Wien heranwachsende jüdische Jugend. Aufgrund dieser Vorbildwirkung kam es rasch auch in osteuropäischen Nachbarländern zu zahlreichen Gründungen von jüdischen Sportvereinen.

Nach dem „Anschluss“ 1938 zerschlug das nationalsozialistische Regime den Verein. Ehemalige Spieler und Funktionäre, denen die Flucht nach Palästina gelungen war, gründeten kurz darauf die Hakoah Tel Aviv. Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Hakoah auch in Wien neu begründet. Sport und Teamgeist waren wichtige Integrationsfaktoren für die nach dem Holocaust zugewanderten oder zurückgekehrten Jüdinnen und Juden.

Geschirr
Erinnerungspokal für den Verein 'Hakoah'

Bereits in den frühen 1920er-Jahren unternahm das Hakoah-Fußballteam Tourneen, auch nach Palästina und Ägypten. Dieser Pokal wurde zur Erinnerung an ein Match in der Hafenstadt Alexandria am 18. Januar 1925 gegen eine ägyptische Mannschaft angefertigt.
Erinnerungspokal für den Verein ‘Hakoah’

Grafik
Originalentwurf der Einladung zur 'Blau Weisse Hakoah Redoute'.

Bekannt war die Hakoah nicht nur für ihre sportlichen Erfolge, sondern auch für ihr Unterhaltungsprogramm. Die Mitglieder trafen sich zu Musik und Tanz meistens in den Wiener Sofiensälen. Zeitweise unterhielt der Verein sogar ein eigenes Orchester. Für die Unterhaltung sorgten stadtbekannte Kabarettisten wie die später vom NS-Regime ermordeten Fritz Grünbaum (1880–1941) und dem ersten Hakoah-Präsidenten Fritz Löhner-Beda (1883–1942).
Originalentwurf der Einladung zur ‘Blau Weisse Hakoah Redoute’.

Fotoabzug
Gruppenbild der Hakoah-Fußballmannschaft mit dem Meisterschaftspokal für die Saison 1924/25

Der Gewinn der österreichischen Fußballmeisterschaft in der Saison 1924/25 war weltweit einzigartig. Noch nie zuvor hatte eine jüdische Mannschaft eine nationale Meisterschaft errungen. Star der Mannschaft um Trainer Arthur Baar (1890–1984) war Béla Gutmann (1899–1981), der später auch als Trainer bei Real Madrid reüssierte. Er und andere Spieler waren zuvor dem MTK Budapest abgeworben worden.
Gruppenbild der Hakoah-Fußballmannschaft mit dem Meisterschaftspokal für die Saison 1924/25

Album
Hakoah-Fußballmannschaft auf Tournee in Amerika und Osteuropa

Nach dem Meistertitel 1925 wurde die Fußballmannschaft zu zahlreichen Gastspielen eingeladen. Sie spielte in vielen europäischen Städten und auch in den USA. Diese Tournee wurde von zionistischen Organisationen vor Ort ermöglicht und war für viele Spieler ein Höhepunkt in ihrer sportlichen Karriere. Die besten unter ihnen wurden auf der USA-Tournee jedoch rasch wieder abgeworben: Die Mannschaft zerfiel und konnte nie wieder an die sensationellen Erfolge anschließen.
Hakoah-Fußballmannschaft auf Tournee in Amerika und Osteuropa

Souvenir
Zigarettenetui von Arthur Baar mit eingravierten Autogrammen einiger Hakoah-Fußballspieler

Zu den bedeutendsten Objekten der Hakoah-Sammlung des Jüdischen Museums gehört dieses Zigarettenetui. Es wurde Fußball-Trainer Arthur Baar (1890–1984) von seiner Mannschaft nach dem Gewinn der österreichischen Meisterschaft geschenkt. Etliche Spieler ließen dabei auch ihr Autogramm in das Metall eingravieren.
Zigarettenetui von Arthur Baar mit eingravierten Autogrammen einiger Hakoah-Fußballspieler

Postkarte
Gruppenfoto von einem Skikurs der Hakoah

Zu den zahlreichen Sektionen des Vereins gehörte auch jene für Touristik- und Wintersport. Nicht mehr aktive Hakoah-Sportler:innen engagierten sich in verschiedenen Sektionen des Vereins, so etwa in Touristik und Wintersport. Zu den gemeinsamen Freizeitaktivitäten gehörten im Sommer Wanderungen durch die Berge und im Winter Skikurse in denselben Gebieten. 1935 erwarb die Hakoah sogar eine eigene Hütte am Semmering.
Gruppenfoto von einem Skikurs der Hakoah

Fotoabzug
Hedy Bienenfeld auf dem Sportplatz für einen Schwimmwettbewerb

Die bekannteste Hakoah-Sportlerin war Hedy Bienenfeld (1906–1976). Die Rekord-Schwimmerin gewann zahlreiche Bewerbe auf nationaler und internationaler Ebene, so bei den Makkabi-Spielen 1932 und 1935 in Tel Aviv. Sie arbeitete auch als Model und brachte einen gewissen Glamour-Faktor in die Hakoah. Mit ihrem Ehemann, dem Trainer Zsigo Wertheimer (1897–1965), flüchtete sie 1938 nach Großbritannien und später in die USA. Nach dem Tod ihres Mannes 1965 kehrte sie nach Wien zurück, wo ihr Wohnzimmer zu einem Treffpunkt für Hakoah-Veteran:innen aus aller Welt wurde.
Hedy Bienenfeld auf dem Sportplatz für einen Schwimmwettbewerb

Fotoabzug
Fotos aus dem Besitz der Hakoah-Schwimmerin Idy Kohn

Die Hakoah-Schwimmerin Fritzi Löwy (1910–1994) siegte in mehreren Turnieren und stellte 1927 einen Europarekord über 200 Meter Freistil auf. Bei den Europameisterschaften in Bologna im selben Jahr errang sie eine Bronzemedaille. 1939 flüchtete sie über Italien und die Schweiz nach Australien, kehrte später aber nach Österreich zurück, wo sie als Sekretärin arbeitete.
Fotos aus dem Besitz der Hakoah-Schwimmerin Idy Kohn

Fotoabzug
Die Hakoah-Wasserballmanschaft als österreichischer Meister

Die Wasserballmannschaft der Hakoah gewann 1924 die österreichische Meisterschaft. Da dieser Sport sich damals großer Beliebtheit erfreute, waren alle Spieler Profisportler.
Die Hakoah-Wasserballmanschaft als österreichischer Meister

Fotoabzug
Fotografien mit dem Hakoah-Schwimmtrainer Zsigo Wertheimer

Der vielseitige Sportler Zsigo Wertheimer (1897–1965) spielte Fußball und Landhockey. Berühmt wurde er als Trainer der Hakoah-Schwimmerinnen, die er zu zahlreichen Titelgewinnen führte. Im Sommer betrieb er die Schwimmschule in Pörtschach am Wörthersee, den Rest des Jahres im Wiener Dianabad. Vom NS-Regime vertrieben, erhielt er 1952 die amerikanische Staatsbürgerschaft.
Fotografien mit dem Hakoah-Schwimmtrainer Zsigo Wertheimer

Fotoabzug
Wettbewerb im Turmspringen im Dianabad

Das 1913 erbaute und heute nicht mehr existierende Dianabad in Wien war in der kalten Jahreszeit das Zentrum der Hakoah-Schwimmer:innen. Hier wurden auch internationale Wettkämpfe ausgetragen, so z.B. auch im Turmspringen.
Wettbewerb im Turmspringen im Dianabad

Album
Fotoalbum zur 2. Makkabiade 1935 in Tel Aviv

Da jüdische Sportler:innen aufgrund von antisemitischen „Arierparagraphen“ in vielen Vereinen keine Aufnahme fanden, schufen sie sich parallele Strukturen. So entstand mit den Makkabi-Spielen auch eine internationale innerjüdische Meisterschaft. Die ersten beiden Makkabiaden fanden 1932 und 1935 in Tel Aviv statt. Hierbei gab es eine Länderwertung der teilnehmenden Sportler:innen, die Österreich vor allem aufgrund der Erfolge der Hakoah-Sportler:innen überlegen gewann.
Fotoalbum zur 2. Makkabiade 1935 in Tel Aviv

Publikation und Druckerzeugnis
'Adress-Liste von Hakoah-Mitgliedern in aller Welt. Beilage zu '50 Jahre Hakoah''

1938 wurde die Wiener Hakoah durch die Nationalsozialisten zerschlagen, ihre Mitglieder flüchteten in alle Welt ins Exil. Dadurch entstanden Zweigvereine in London, New York, San Francisco und – noch vor der Staatsgründung Israels – auch in Ramat Gan. Der innere Zusammenhalt der Vereinsmitglieder lässt sich auch durch dieses 1959 publizierte Adressverzeichnis dokumentieren. Immer wieder wurde auch zu Gemeinschaftstreffen eingeladen.
‘Adress-Liste von Hakoah-Mitgliedern in aller Welt. Beilage zu ‘50 Jahre Hakoah’’

Album
Fotoalbum von Arthur Baar zum Ersten Weltkrieg und zur Brith Hakoah 1909 (Veteranenverein in Ramat Gan)

Arthur Baar (1890–1984) konnte 1938 nach Palästina flüchten, wo er mit anderen Veteranen den Verein „Brith Hakoah 1909“ gründete. Dessen Heimat wurde das 1946 gegründete Maccabi Sports Center in Ramat Gan. Hier wurde 1968 auch ein Holocaust-Mahnmal des Bildhauers Karl Duldig (1902–1986) errichtet, der sich in seiner Jugend als Fußball-Torwart betätigt hatte und nunmehr in Australien lebte.
Fotoalbum von Arthur Baar zum Ersten Weltkrieg und zur Brith Hakoah 1909 (Veteranenverein in Ramat Gan)

Medaille/Münze
Medaille zur Hakoah-Klubmeisterschaft 1946

Trotz der Auslöschung der jüdischen Gemeinde in Wien durch Holocaust und Zweiten Weltkrieg konnte sich der Sportklub Hakoah danach rasch neuformieren. Die Jugendlichen unter den jüdischen Überlebenden fanden hier rasche Integration und neue Freund:innen. Bereits 1946 konnten wieder interne Klubmeisterschaften durchgeführt werden.
Medaille zur Hakoah-Klubmeisterschaft 1946

Fotoabzug
Karl Haber am Rednerpult des Jüdischen Museums zur Eröffnung der Ausstellung 'Hoppauf Hakoah'

Der Schwimmer und Wasserballer Karl Haber (1919–1998) war die treibende Kraft der Hakoah nach 1945. Nach seiner aktiven Karriere erwarb er sich große Verdienste als Trainer und Funktionär. Seine entsprechende Sammlung an Objekten und Dokumenten schenkte er dem Jüdischen Museum Wien, das 1995 erstmals eine Ausstellung zur Hakoah gestaltete.
Karl Haber am Rednerpult des Jüdischen Museums zur Eröffnung der Ausstellung ‘Hoppauf Hakoah’