Der Türkische Tempel: „Ein farbenschimmerndes, orientalisches Märchen“

1887 wurde in der Zirkusgasse im 2. Wiener Gemeindebezirk eine neue sefardische Synagoge eröffnet.

Postkarte
Ansichtskarten vom Türkischen Tempel in Wien

Als die neue sefardische Synagoge in der Zirkusgasse nach zweijähriger Bauzeit am 18. September 1887 eröffnet wurde, überschlugen sich die Zeitungskommentare in Schilderungen seiner prächtigen Ausstattung und imposanten Architektur. Initiiert wurde der Bau unter anderen vom Präsidenten der türkisch-israelitischen Gemeinde in Wien, Marcus M. Russo, der den Wiener Architekten Hugo Ritter von Wiedenfeld beauftragt hatte, das Gotteshaus zu entwerfen.
Ansichtskarten vom Türkischen Tempel in Wien

Grafik
Innenansicht der Synagoge der sefardisch-türkischen Gemeinde in der Zirkusgasse 2, Wien II. (Leopoldstadt)

„Es muthet den Beschauer wie ein farbenschimmerndes, orientalisches Märchen an. […] Tritt man in den Tempel ein, so steigern sich die Wirkungen immer von Schritt zu Schritt. Nach dem Vorhofe das Vestibüle mit Marmorwänden und Stalakiten-Gesims, ganz Alhambra,“ hieß es in der Österreichisch-ungarischen Cantoren-Zeitung.
Innenansicht der Synagoge der sefardisch-türkischen Gemeinde in der Zirkusgasse 2, Wien II. (Leopoldstadt)

Fotoabzug
Gedenktafel an Baron Diego d'Aguilar, alias Mosche Lopez Pereira, dem Gründer der türkisch-israelitischen Gemeinde in Wien

Im Eingangsbereich des Türkischen Tempels war ein Gedenkstein für den sagenumwobenen Begründer der Wiener sefardischen Gemeinde, Mosche Lopez Pereira alias Diego d’Aguilar, angebracht. Alljährlich zum Versöhnungstag wurde in der Synagoge auch das Totengebet (Kaddisch) für ihn gesprochen.
Gedenktafel an Baron Diego d’Aguilar, alias Mosche Lopez Pereira, dem Gründer der türkisch-israelitischen Gemeinde in Wien

Fotoabzug
Urkunde Karl VI., aus der Fotoserie über den Türkischen Tempel in Wien

Diego d’Aguilar war ein Marrane (zwangsgetaufter Jude) aus Portugal, der zum Judentum zurückgekehrt war und von Kaiser Karl VI. nach Wien berufen wurde, um das österreichische Tabakgefälle neu zu organisieren. 1735 soll er die türkisch-sefardische Gemeinde in Wien gegründet haben. Ihre Mitglieder standen unter der Protektion des Sultans, denn nach der Vertreibung der Jüdinnen und Juden aus Spanien 1492 und aus Portugal 1498 hatten vielen sefardische Jüdinnen/Juden im Osmanischen Reich Asyl gefunden. Die Friedensverträge zwischen den Habsburgern und den Osmanen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts boten sefardischen Juden die Möglichkeit, sich in Wien niederzulassen und Handel zu treiben.
Urkunde Karl VI., aus der Fotoserie über den Türkischen Tempel in Wien

Malerei
Porträt von Ruben Baruch

Die Zeremonien im Türkischen Tempel waren von der Mehrsprachigkeit der sefardischen Gemeinde geprägt. Teils wurden die Ansprachen und Predigten in Ladino oder Judäo-Espagnol (die Sprache, welche die Juden nach ihrer Vertreibung aus Spanien ins Exil mitgenommen hatten) gehalten. Zu den Sultansfeiern wurde die Sultanshymne auf Türkisch gesungen.

Laut der Erzählung von Ruben Baruch, des langjährigen Chachams (Rabbiners) der türkisch-israelitischen Gemeinde in Wien, schenkte Diego d’Aguilar, bevor er nach London übersiedelte, der sefardischen Gemeinde in Wien und der Gemeinde in Temeszvar je ein Paar silberne Rimmonim mit seinem eingravierten hebräischen Namen Mosche Lopez Pereira. Wo die Rimmonim verblieben sind, ist ungewiss. Bis heute erhalten ist jedenfalls ein Porträt Ruben Chachams in orientalischer Kleidung aus den Beständen des Türkischen Tempels.

Porträt von Ruben Baruch

Tora-Aufsatz
Rimmonim aus Jerusalem

Mit hoher Wahrscheinlichkeit gehörten auch die im typisch osmanischen Stil gefertigten Rimmonim mit der hebräischen Aufschrift „Jerusalem 1741“ zum Bestand des Türkischen Tempels.
Rimmonim aus Jerusalem

Fotoabzug
Porträt des Bankiers David Halfon

Der 1863 in Wien geborene Bankier David Halfon, der wie viele Wiener Sefarden zunächst osmanischer und nach 1922 türkischer Staatsangehöriger war, beauftragte in den 1930er-Jahren den Fotografen Oskar Moser die Ritualobjekte des Türkischen Tempels zu fotografieren.
Porträt des Bankiers David Halfon

Tora-Mantel
Meil aus dem Türkischen Tempel

Auf Grund dieser Fotodokumentation, die fast vollständig im Archiv des Jüdischen Museums vorhanden ist, können einige wenige Objekte eindeutig dem ehemaligen Türkischen Tempel zugeordnet werden, so z.B. dieser mit bunten Steinen besetzte Tora-Mantel aus cremefarbenem Seidenatlas.
Meil aus dem Türkischen Tempel

Tora-Mantel
Meil von Mosche Finzi

Auch dieser von Mosche Finzi gestiftete Tora-Mantel gehörte einst zum Tempelschatz der sefardischen Synagoge.
Meil von Mosche Finzi

Malerei
Porträt Jakob Bauer, Oberkantor im Türkischen Tempel

Berühmt wurde der Türkische Tempel in Wien für die liturgischen Gesänge und das musikalische Rahmenprogramm. Maßgeblich gestaltet wurde es von zwei Personen, wovon ersterer der Oberkantor Jakob Bauer war.
Porträt Jakob Bauer, Oberkantor im Türkischen Tempel

Fotografie
Porträt Isidor Löwit

Zweiterer war der Dirigent und Chorleiter Isidor Löwit. Wie Bauer stammte auch er ursprünglich aus einer aschkenasischen Familie.
Porträt Isidor Löwit

Souvenir
Jubiläumsadresse für Isidor Löwit

„Man kann sagen, daß Löwit der Schöpfer des sephardischen Chorgottesdienstes ist. Überall im Orient, wo ein Chorgottesdienst abgehalten wird, werden zum großen Teil die Gesänge von Löwit vorgetragen“, schrieb Aron Friedmann, königlicher Musikdirektor und Oberkantor der jüdischen Gemeinde Berlin über seinen Wiener Kollegen zu dessen 50-jährigem Amtsjubiläum. Von der Israeltischen Kultusgemeinde bekam Isidor Löwit zu diesem Anlass eine Huldigungsadresse in einer Silberschatulle überreicht.
Jubiläumsadresse für Isidor Löwit

Korrespondenz
Brief von Isidor Löwit an seine Schwiegertochter Jenny Löwit Frankl

Am 5. Dezember 1937, kurz vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, fand im Türkischen Tempel die Hochzeit von Isidor Löwits jüngster Tochter Mitzi Löwit mit Salomon Grüner statt. Im Novemberpogrom 1938 steckten die Nationalsozialisten den Türkischen Tempel – wie alle anderen Wiener Synagogen – in Brand. Isidor Löwit wurde im Sommer 1942 gemeinsam mit seiner Tochter Mitzi nach Theresienstadt deportiert und ermordet. Kurz zuvor schrieb er einen verzweifelten Abschiedsbrief an seine Schwiegertochter Jenny Löwit Frankl. Seine Enkelin Margarethe Löwit konnte 1938 nach Italien flüchten, wo sie den Krieg überlebte.
Brief von Isidor Löwit an seine Schwiegertochter Jenny Löwit Frankl