Wandern durch Wien mit Emil Singer

Das Jüdische Museum Wien besitzt über 80 Radierungen des österreichischen Künstlers Emil Singer.

Diese Tour lädt Sie ein, Emil Singers Wien mit den Augen des Künstlers zu entdecken.

Druckgrafik
Radierungen und Archivalien von Emil Singer mit Ansichten von Wien, Brünn, Krems, Dürnstein, Rothenburg ob der Tauber, Steyr, Perchtoldsdorf und Prag

Wer war Emil Singer?

Die Werke des in Mähren geborenen österreichischen Künstlers Emil Singer (1881–1942) zeigen malerische Stadtansichten von Wien, seiner Umgebung und benachbarten Städten und schließt an die Tradition großer Vedutenkünstler wie Rudolf von Alt und Bernardo Bellotto an. Besonders Tourist:innen schätzten seine detailreichen Darstellungen Wiens.

Die Radierungen entstanden etwa zwischen 1914 und Mitte der 1930er-Jahre. Emil Singer wurde mit seiner Frau Grete 1942 ermordet und somit wurden fast alle Erinnerungen an ihn ausgelöscht.

Dank der Sammelleidenschaft von Sandy Rikoon, Henry Isaacs, Axel Junghans und Ingo H. Fromm konnte seine Lebensgeschichte in Wien wiederhergestellt werden.

Radierungen und Archivalien von Emil Singer mit Ansichten von Wien, Brünn, Krems, Dürnstein, Rothenburg ob der Tauber, Steyr, Perchtoldsdorf und Prag

Druckgrafik
Radierungen und Archivalien von Emil Singer mit Ansichten von Wien, Brünn, Krems, Dürnstein, Rothenburg ob der Tauber, Steyr, Perchtoldsdorf und Prag

Ausgangspunkt: Stadtzentrum Stephansplatz

Im Herzen Wiens steht der Stephansdom – das Wahrzeichen der Stadt. Damals wie heute ist der Stephansplatz belebt, voller Menschen – von Wiener:innen bis Tourist:innen.

Der in Bleistift geschriebene Vermerk „6/100“ auf der Radierung weist auf eine nummerierte Auflage hin – eine Seltenheit bei Emil Singer. Ab Mitte der 1920er-Jahre hörte er auf, seine Werke zu nummerieren. In diesem Fall wissen wir, dass er 100 Drucke dieser Ansicht des Stephansdoms angefertigt hat. Bei vielen anderen Ansichten kennen wir die genaue Anzahl nicht.

Radierungen und Archivalien von Emil Singer mit Ansichten von Wien, Brünn, Krems, Dürnstein, Rothenburg ob der Tauber, Steyr, Perchtoldsdorf und Prag

Druckgrafik
Emil Singer, 'Wien: Stefanskirche'

Der Nordturm des Stephansdoms

Diese Radierung zeigt eine Detailansicht des Stephansdoms und einen Blick ins Wiener Alltagsleben um 1917.

Die Marktstände und Luftballons weisen möglicherweise auf einen Jahrmarkt hin. Im Vordergrund fährt ein Fiaker langsam auf den/die Betrachter:in zu.

Ein vertrauter Anblick ist das Baugerüst am Dom. Damals wie heute ein Zeichen laufender Sanierungs- und Reparaturarbeiten an der Kirchenfassade.

Emil Singer, ‘Wien: Stefanskirche’

Druckgrafik
Emil Singer, 15 Radierungen mit Ansichten von Wien, Prag und Nürnberg

Am Graben

Im frühen 20. Jahrhundert gab es bei weitem öfter und dichteren Schneefall, wie in dieser Radierung vom verschneiten Graben im Stadtzentrum zu sehen ist.

Im Hintergrund fahren zwei Autos vorbei. Erst 1971 wurde der Graben zur Fußgängerzone umgewidmet – auf Initiative des Wiener Juden Viktor Gruen (1903–1980).

Emil Singer, 15 Radierungen mit Ansichten von Wien, Prag und Nürnberg

Druckgrafik
Emil Singer, 'Wien: Michaelerkirche'

Vorbei am Jüdischen Museum Wien

Vom Graben aus geht man durch die Dorotheergasse bis zur Stallburggasse. Um den Blick vom Turm der Michaelerkirche wie in Singers Radierung zu erleben, muss man am heutigen Standort des Jüdischen Museums Wien in der Dorotheergasse 11 vorbeigehen.

2024 waren Emil Singers Werke hier in der Ausstellung “Wiener Nostalgie. Vernetzte Erinnerungen an Emil Singer” zu sehen.

Emil Singer, ‘Wien: Michaelerkirche’

Druckgrafik
39 Radierungen von Emil Singer mit Ansichten von Wien, Regensburg, Prag, Brünn, Rothenburg ob der Tauber, Perchtoldsdorf, Dürnstein und Steyr

Besuch bei den Habsburgern

Geht man die Stallburggasse weiter entlang – vorbei am Stall der Lipizzaner – kommt man durch eine kleine, fast versteckte Passage in der Habsburgergasse bis zum Michaelerplatz.

Hier sieht man die Fassade der Michaelerkirche und das prachtvolle Tor zur Hofburg, einst Residenz der Habsburger. Als Emil Singer dieses Bild anfertigte, war das Habsburgerreich bereits Geschichte, doch die imposante Hofburg bleibt als Denkmal dieser Ära bestehen.

In der Radierung erkennt man, wie sehr sich der Platz im Laufe der Zeit verändert hat: Wo früher Autos parkten, stehen heute Fiaker und Touristengruppen. Die unterirdischen römischen Ruinen waren damals noch nicht entdeckt.

39 Radierungen von Emil Singer mit Ansichten von Wien, Regensburg, Prag, Brünn, Rothenburg ob der Tauber, Perchtoldsdorf, Dürnstein und Steyr

Druckgrafik
39 Radierungen von Emil Singer mit Ansichten von Wien, Regensburg, Prag, Brünn, Rothenburg ob der Tauber, Perchtoldsdorf, Dürnstein und Steyr

Kaiserwetter im Burghof

Geht man unter der Kuppel der Hofburg hindurch, kommt man zum rot-schwarz-goldenen „Schweizertor“, das zum ältesten Teil der Hofburg führt, dem „Schweizerhof“. 1745 bis 1767 hielt hier die Schweizergarde des Kaisers Wache.

In der Radierung von Emil Singer genießen die Spaziergänger:innen Kaiserwetter: einen herrlichen, leicht bewölkten, blauen Himmel.

39 Radierungen von Emil Singer mit Ansichten von Wien, Regensburg, Prag, Brünn, Rothenburg ob der Tauber, Perchtoldsdorf, Dürnstein und Steyr

Druckgrafik
39 Radierungen von Emil Singer mit Ansichten von Wien, Regensburg, Prag, Brünn, Rothenburg ob der Tauber, Perchtoldsdorf, Dürnstein und Steyr

Auf der Ringstraße

Vom Burghof durch den Volksgarten erreicht man das Wiener Rathaus. Es wurde zwischen 1872 und 1883 im neugotischen Stil nach Plänen von Friedrich Schmidt (1825–1891) erbaut.

Singer zeigt das Gebäude im Frühling, ein ruhiger Moment inmitten der Stadt.

39 Radierungen von Emil Singer mit Ansichten von Wien, Regensburg, Prag, Brünn, Rothenburg ob der Tauber, Perchtoldsdorf, Dürnstein und Steyr

Druckgrafik
Emil Singer, 15 Radierungen mit Ansichten von Wien, Prag und Nürnberg

Demokratische Nachbarschaft

Links vom Rathaus befindet sich das Parlament. Dieses Haus wurde zwischen 1874 und 1883 nach Plänen von Theophil Hansen (1813–1891) erbaut und verweist in seiner historisierenden Architektur auf Griechenland als Wiege der Demokratie.

Doch der herrliche blaue Himmel und die ruhige Stadtszene in Emil Singers Radierung täuschen. Wenige Jahre nach Entstehung dieser Radierung wehten hier Hakenkreuzfahnen und das Parlament diente als Gauhaus der Nationalsozialisten.

Mit der Einführung der Nürnberger Rassengesetze in Wien durfte Emil Singer seine Werke nicht mehr verkaufen. In seiner Not wandte er sich an seine amerikanische Klientel und bat um Hilfe beim Verkauf seiner Bilder und bei der Flucht in die USA. Die Familien Isaacs in Minnesota und Ellovich in Pennsylvania setzten alles daran, das Ehepaar Singer nach Amerika zu bringen, leider vergeblich.

Emil und Grete Singer wurden im Mai 1942 aus einer Wiener Sammelwohnung deportiert und von den Nationalsozialisten ermordet.

Emil Singer, 15 Radierungen mit Ansichten von Wien, Prag und Nürnberg

Druckgrafik
Radierungen und Archivalien von Emil Singer mit Ansichten von Wien, Brünn, Krems, Dürnstein, Rothenburg ob der Tauber, Steyr, Perchtoldsdorf und Prag

Wien als Musikstadt

Weiter entlang der Ringstraße, vorbei am Maria-Theresien-Platz, kommt man schließlich zur Wiener Staatsoper.

Erbaut zwischen 1863 und 1869 nach Plänen von August Sicard von Sicardsburg (1813–1868) und Eduard van der Nüll (1812–1868) war die Staatsoper das erste Gebäude, das auf der neu angelegten Ringstraße fertiggestellt wurde. In Emil Singers Radierung wirkt die herbstliche Szene ruhig und beinahe verträumt.

Radierungen und Archivalien von Emil Singer mit Ansichten von Wien, Brünn, Krems, Dürnstein, Rothenburg ob der Tauber, Steyr, Perchtoldsdorf und Prag

Druckgrafik
39 Radierungen von Emil Singer mit Ansichten von Wien, Regensburg, Prag, Brünn, Rothenburg ob der Tauber, Perchtoldsdorf, Dürnstein und Steyr

Ein Besuch im Belvedere

Von der Staatsoper kommt man mit dem D-Wagen direkt zum Oberen Belvedere.

Dieser kurze Abstecher in den 3. Bezirk bietet eine wunderbare Gelegenheit, Werke anderer österreichischer Künstler:innen zu entdecken – darunter Gustav Klimt, Egon Schiele, Oskar Kokoschka und Marie-Louise von Motesiczky.

Um zum Haupteingang des Museums zu gelangen, muss man den Zugang nahe der Prinz-Eugen-Straße finden. Das eiserne Tor ist noch immer dasselbe, wie Emil Singer es einst in einer herbstlichen Szene dargestellt hat.

39 Radierungen von Emil Singer mit Ansichten von Wien, Regensburg, Prag, Brünn, Rothenburg ob der Tauber, Perchtoldsdorf, Dürnstein und Steyr

Druckgrafik
39 Radierungen von Emil Singer mit Ansichten von Wien, Regensburg, Prag, Brünn, Rothenburg ob der Tauber, Perchtoldsdorf, Dürnstein und Steyr

Am Karlsplatz

Am Karlsplatz gibt es einen weiteren Prachtbau zu besichtigen. Vom Oberen Belvedere aus geht man die Prinz-Eugen-Straße hinunter Richtung Innere Stadt und biegt bei der französischen Botschaft links ab.

Die barocke Kirche wurde nach Plänen von Johann Bernhard Fischer von Erlach (1656–1723) zwischen 1716 und 1739 erbaut.

39 Radierungen von Emil Singer mit Ansichten von Wien, Regensburg, Prag, Brünn, Rothenburg ob der Tauber, Perchtoldsdorf, Dürnstein und Steyr

Druckgrafik
Radierungen und Archivalien von Emil Singer mit Ansichten von Wien, Brünn, Krems, Dürnstein, Rothenburg ob der Tauber, Steyr, Perchtoldsdorf und Prag

Zur kaiserlichen Sommerresidenz

Das Schloss Schönbrunn, die kaiserliche Sommerresidenz der Habsburger, und sein Garten sind ein Muss. Vom Karlsplatz fährt man am besten mit der U4 bis zur Station Schönbrunn.

Durch den Vorhof und weiter in den Garten, kommt man zu einem der Najadenbrunnen, von wo aus man die Perspektive aus Emil Singers Radierung nachvollziehen kann. Die Najaden sind mythologische Wassergeister im Dienst von Neptun und ein klassisches Motiv in der barocken Gartenkunst.

Radierungen und Archivalien von Emil Singer mit Ansichten von Wien, Brünn, Krems, Dürnstein, Rothenburg ob der Tauber, Steyr, Perchtoldsdorf und Prag

Druckgrafik
Emil Singer, 15 Radierungen mit Ansichten von Wien, Prag und Nürnberg

Gefälschte Ruinen machen den besten Gartenschmuck

Man muss den zweiten Najadenbrunnen aufsuchen, um die nächste Kuriosität im Schönbrunner Garten zu entdecken – auch Emil Singer war davon fasziniert. Hinter dem Brunnen liegt das „römische“ Ruinenbauwerk, erbaut 1778 von Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg (1733–1816).

Diese künstlichen Ruinen dienten als Statussymbol der kaiserlichen Familie, die die römisch-deutsche Kaiserwürde innehatte. Die beiden Figuren in der Grotte des Bauwerks stellen die Flussgötter Donau und Enns dar.

Emil Singer, 15 Radierungen mit Ansichten von Wien, Prag und Nürnberg

Druckgrafik
Radierungen und Archivalien von Emil Singer mit Ansichten von Wien, Brünn, Krems, Dürnstein, Rothenburg ob der Tauber, Steyr, Perchtoldsdorf und Prag

Endstation Grinzing

Um die Endstation der Wanderung aus dem Blick Emil Singers bequem zu erreichen, gönnt man sich eine Fahrt mit dem S45-Zug. Von der Station Penzing fährt man Richtung Handelskai und steigt bei der Station Oberdöbling aus. Danach geht es weiter mit der 38er-Straßenbahn nach Grinzing.

Im 19. Bezirk laden gemütliche Heurigen zum Verweilen ein. Emil Singer zeigt in seiner Radierung die Ortskirche und ein herkömmliches Wohnhaus. Es ist deutlich ruhiger hier als im Stadtzentrum.

Radierungen und Archivalien von Emil Singer mit Ansichten von Wien, Brünn, Krems, Dürnstein, Rothenburg ob der Tauber, Steyr, Perchtoldsdorf und Prag