Der Leopoldstädter Tempel: Ein Mahnmal zur Versöhnlichkeit

Der Leopoldstädter Tempel war das größte jüdische Gotteshaus Wiens. Er wurde nach vierjähriger Bauzeit als erste freistehende Synagoge Wiens am 15. Juni 1858 eröffnet.

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Gedenkblatt zur feierlichen Eröffnung der Synagoge in der Leopoldstadt

„Nobilitäten aller Classen und Konfessionen wohnten der erhabenen Feier bei“, hieß es zur Eröffnung der Synagoge in einem Bericht der „Wiener Zeitung“. Rabbiner Dr. Adolph Jellinek hielt die Einweihungsrede und der berühmte Wiener Kantor Salomon Sulzer sorgte für die musikalische Gestaltung.
Gedenkblatt zur feierlichen Eröffnung der Synagoge in der Leopoldstadt

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Ansicht der Synagoge in der Tempelgasse in Wien II. (Leopoldstadt)

Mit dem Bau wollte der Architekt Ludwig von Förster an den salomonischen Tempel erinnern und stattete ihn mit zahlreichen orientalisierenden Stilelementen aus.
Ansicht der Synagoge in der Tempelgasse in Wien II. (Leopoldstadt)

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Ansicht des im Bau begriffenen Tempels in der Wiener Leopoldstadt

Die Säulen an den Ecken der Frontfassade waren ein Hinweis auf Jachin und Boas, die Säulen am Eingang des Tempels in Jerusalem.
Ansicht des im Bau begriffenen Tempels in der Wiener Leopoldstadt

Medaille/Münze
Gedenkmedaille anlässlich der Verleihung der Realbesitzfähigkeit für Juden von Kaiser Franz Joseph I.

Das neu errichtete Gotteshaus war für die Wiener Jüdinnen und Juden auch ein Zeichen für den Aufbruch in eine neue Zeit, ohne diskriminierende Einschränkungen und als gleichberechtigte Bürger:innen Wiens. Zwei Jahre nach der Einweihung des Leopoldstädter Tempels verlieh Kaiser Franz Joseph I. den Wiener Jüdinnen und Juden die Realbesitzfähigkeit, die ihnen erstmals ermöglichte, auch privat Grund und Boden zu erwerben.
Gedenkmedaille anlässlich der Verleihung der Realbesitzfähigkeit für Juden von Kaiser Franz Joseph I.

Postkarte
An Elisabeth de Waal adressierte Postkarte mit Ansicht der Votivkirche

Wenig bekannt ist die Geschichte, die den Leopoldstädter Tempel mit der Votivkirche verband, die ebenfalls zu Beginn der sogenannten Ringstraßenära erbaut wurde. So wurde der Grundstein der Votivkirche und der Schlussstein des Leopoldstädter Tempels vom Jerusalemer Künstler Mosche Mordechai Schnitzer aus dem Felsen des Ölbergs in Jerusalem gemeißelt.
An Elisabeth de Waal adressierte Postkarte mit Ansicht der Votivkirche

Malerei
Porträt von Ludwig August Frankl

Nach Wien überbracht wurde der Schlussstein für den Leopoldstädter Tempel vom Schriftsteller und Journalisten Ludwig August Frankl, der im Auftrag von Elise Herz eine mehrmonatige Reise ins Heilige Land unternommen hatte, um in Jerusalem eine jüdische Schule zu gründen.
Porträt von Ludwig August Frankl

Tora-Aufsatz
Rimmonim aus dem Leopoldstädter Tempel

Auch ein persönliches Geschenk für das neue Gotteshaus hatte Frankl im Reisegepäck dabei: ein Paar mit Rubinen besetzte Tora-Aufsätze mit der Widmungsinschrift auf Hebräisch und Deutsch: „Sandelholz aus Eretz Israel, mitgebracht von Doktor Abraham Elazar Frankl im Jahr 1856“.
Rimmonim aus dem Leopoldstädter Tempel

Tora-Schild
Tas aus dem Leopoldstädter Tempel

„Der größte Teil der für den Tempel nötigen heiligen Geräte wurde in natura gespendet“, hieß es in der zeitgenössischen Presse. Einige davon sind bis heute in den Sammlungen des Jüdischen Museums erhalten. So widmete Cäcilie von Königswarter der Synagoge im Andenken an ihren verstorbenen Mann Moritz Königswarter und an ihre Eltern Feivelmann und Ella Wertheimer ein vom Wiener Silberschmied Franz Zeidler gefertigtes Tora-Schild.
Tas aus dem Leopoldstädter Tempel

Tora-Mantel
Meil von Cäcilie Königswarter

Den dazugehörigen Tora-Mantel widmete Königswarter ebenfalls.
Meil von Cäcilie Königswarter

Tora-Vorhang
Parochet, gestiftet von Eduard und Sophie Todesco

Der Bankier und Textilfabrikant Eduard von Todesco und seine Frau Sophie, die in Wien einen berühmten Salon führte, stifteten zur „Verherrlichung des Gotteshauses“ einen mit Sternen und ornamentalen Mustern verzierten Tora-Vorhang.
Parochet, gestiftet von Eduard und Sophie Todesco

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Der Leopoldstädter Tempel in Wien nach der Brandkatastrophe 1917

Anschließend an die religiöse Feier im Tempel waren die Ehrengäste zu einem Abendessen ins nahgelegene Etablissement Sperl geladen, wo der dem Haus Todesco freundschaftlich verbundene Johann Strauß (Sohn) mit seinem Orchester aufspielte.

In den folgenden Jahrzehnten wurde der Leopoldstädter Tempel schrittweise erweitert und ausgebaut und durch zwei Seitenflügel ergänzt. Ab 1893 war im Nordflügel des Hauses die Israelitisch-Theologische Lehranstalt untergebracht. Im Jahr 1917 kam es nach einem Gottesdienst für jüdische Soldaten zu einem verheerenden Brand infolgedessen der Tempel für mehrere Jahre nicht genutzt werden konnte.

Der Leopoldstädter Tempel in Wien nach der Brandkatastrophe 1917

Tora-Vorhang
Parochet aus dem Leopoldstädter Tempel

„Erinnert sich einer, daß dieser Judentempel als ein Mahnmal zur Versöhnlichkeit auf Wiener Boden steht,“ schrieb der amtierende Rabbiner Dr. Max Grunwald anlässlich der Brandkatastrophe in „Dr. Blochs Österreichischer Wochenschrift“.

Zur Wiedereröffnung der Synagoge im Jahr 1921 widmete der „Ausschuss zur Restaurierung des Leopoldstädter Tempels“ dem Gotteshaus und Max Grunwald einen Tora-Vorhang.

Parochet aus dem Leopoldstädter Tempel

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Zwei Fotografien des 1938 zerstörten Leopoldstädter Tempels in der Tempelgasse 3 in Wien II. (Leopoldstadt)

Max Grunwald war nicht nur ein beliebter Rabbiner, sondern auch ein angesehener Wissenschaftler, der mit dem ersten Jüdischen Museum verbunden war. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten flüchtete er nach Jerusalem, wo er 1953 verstarb.

Der Leopoldstädter Tempel wurde wie alle anderen Wiener Synagogen im Novemberpogrom 1938 geplündert und niedergebrannt.

Zwei Fotografien des 1938 zerstörten Leopoldstädter Tempels in der Tempelgasse 3 in Wien II. (Leopoldstadt)

Fotografie
Foto vom Memorial für den Leopoldstädter Tempel

Heute stehen vier weiße Säulen am ehemaligen Ort der Synagoge. Sie fungieren als Mahnmal und erinnern an die einstige Bedeutung des Leopoldstädter Tempels.
Foto vom Memorial für den Leopoldstädter Tempel